KI: Mythen, Metaphern, Maschinen
Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Diskutiert wird über ihre Leistungsfähigkeit, ihre Einsatzmöglichkeiten und ihre Risiken. Prof. Dr. Norbert Paulo, Philosoph an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, richtet den Blick auf eine andere, oft übersehene Dimension: die Sprache, mit der über KI gesprochen wird. Denn wie Menschen Künstliche Intelligenz wahrnehmen, verstehen und bewerten, werde nicht nur durch technische Informationen bestimmt, sondern auch durch Metaphern, Bilder und Narrative.
„Wenn wir ehrlich sind, haben wir das Problem, dass die meisten von uns KI nicht verstehen“, sagt Paulo, Inhaber der Stiftungsprofessur für Philosophie und Ethik der Digitalisierung. Auf der technischen und mathematischen Ebene bleibe ihre Funktionsweise für viele unklar. Weil KI zudem nicht sichtbar sei, nähere man sich ihr über kulturelle Formen des Verstehens an – über Metaphern, Romane oder Filme. „Da wir die Technik nur sehr begrenzt verstehen, sind wir auch anfällig für die Narrative der KI-Industrie.“
Ein wirkmächtiges Beispiel ist für Paulo die Rede von der KI als „Black Box“. Damit werde der Eindruck vermittelt, KI sei unergründlich, geheimnisvoll und einer kritischen Einordnung entzogen. Tatsächlich aber, betont Paulo, wüssten Entwickler sehr viel über Trainingsdaten, Modellarchitekturen, Optimierungsverfahren und Einsatzbedingungen. Die Behauptung, niemand könne verstehen, wie KI funktioniert, verschleiere daher, dass Unternehmen und ihre Entwickler sehr wohl über ihre Systeme Bescheid wissen.
Auch die verbreitete Rede von „neuronalen Netzen“ sieht Paulo kritisch. Zwar soll die Anlehnung an das menschliche Gehirn Orientierung geben. Doch für die meisten Menschen sei diese Metapher kaum wirklich erhellend – schon deshalb, weil auch das Gehirn selbst hochkomplex und schwer zu verstehen sei. „Und nun nutzen wir diese neurowissenschaftlichen Computeranalogien, um KI zu verstehen – das entbehrt nicht einer gewissen Ironie“, sagt Paulo.
Wenn öffentliche Debatten von schiefen oder verkürzten Bildern geprägt sind, hat das nach Paulos Einschätzung politische und gesellschaftliche Folgen. Weil die KI-Industrie mehr über die Technologie wisse, als sie offenlege, bestehe „die große Gefahr, dass die Öffentlichkeit von wenigen Mächtigen getäuscht“ werde. Es genüge, einige prägende Metaphern zu etablieren und plausible Narrative zu verbreiten. Für Paulo ist KI deshalb nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle Angelegenheit. Seine zentrale Botschaft: Künstliche Intelligenz muss nicht nur technisch erklärt, sondern auch kulturell kritisch gelesen werden.
Über diese Fragen spricht Nobert Paulo auch beim 6. STS-Talk „Mythen, Metaphern, Maschinen: Wie wir über Künstliche Intelligenz sprechen“ am Montag, 15. Juni, um 16 Uhr im Georgianum in Ingolstadt (Hohe-Schul-Straße 5, Raum GEOG-101). Mit ihm diskutieren Prof. Dr. Michaela Honauer, KI-Design-Forscherin an der Technischen Hochschule Nürnberg, die Philosophin Leonie Möck von der Universität Wien, die zu KI-Narrativen forscht, Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter des Technikkultur-Festivals Ars Electronica in Linz. Die Veranstaltung ist Teil der Ringvorlesung „Zukünfte erfinden: Von Frankenstein zur Künstlichen Intelligenz“. Eine Teilnahme per Zoom ist möglich; Kontakt: frankenstein@ku.de
