Uraufführung: Zieht die gewaltige Stille mich immer
Ein Archiv für Charlotte von Kirschbaum und Nelly Barth
von Ivna Žic
Mit der Uraufführung von „Zieht die gewaltige Stille mich immer“ bringt das Stadttheater Ingolstadt am 7. März 2026 ein vielschichtiges, poetisches Bühnenprojekt über eine außergewöhnliche historische Persönlichkeit heraus. Die Autorin Ivna Žic widmet sich darin dem Leben der gebürtigen Ingolstädterin Charlotte von Kirschbaum, Theologin, Weggefährtin und intellektuelle Mitstreiterin des weltbekannten Schweizer Theologen Karl Barth, sowie Karl Barths Frau Nelly, die den familiären und häuslichen Bereich trug und die Dreierkonstellation im Hause Barth überhaupt ermöglichte.
In den 1920er Jahren begegnet Charlotte von Kirschbaum Barth und ist nachhaltig von seinem theologischen Denken beeindruckt. Mit Karl Barth Unterstützung erwirbt sie umfassende Kenntnisse in Hebräisch, Griechisch, Latein und evangelischer Theologie und entwickelt sich zu einer prägenden Mitgestalterin seiner Arbeit. Zwischen Karl, seiner Ehefrau Nelly und Charlotte entsteht eine enge und komplexe Verbindung, die sowohl
persönlich als auch geistig von großer Intensität ist. Als Charlotte in den Haushalt der Familie Barth einzieht, geraten die drei zunehmend in den Fokus gesellschaftlicher Beobachtung und Spekulation.
Charlotte von Kirschbaum (1899–1975) gilt heute als bedeutende theologische Denkerin, deren Beitrag lange Zeit unterschätzt wurde. Sie war maßgeblich an der Entstehung von Barths Hauptwerk, der Kirchlichen Dogmatik, beteiligt und formulierte eigene theologische Ansätze. Während des Nationalsozialismus engagierte sie sich zudem in der „Bekennenden Kirche“ und widersetzte sich der politischen Vereinnahmung kirchlicher Strukturen.
Karl Barth (1886–1968), einer der einflussreichsten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts, lehrte unter anderem in Göttingen, Münster, Bonn und Basel. Mit seiner Theologie stellte er sich bewusst gegen den religiösen Liberalismus seiner Zeit und prägte die dialektische Theologie entscheidend mit. Als Mitverfasser der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 setzte er ein deutliches Zeichen gegen die Gleichschaltung der evangelischen Kirche durch das NS-Regime. Aufgrund dieser Haltung verlor er seine
Professur in Deutschland und kehrte in die Schweiz zurück. Nach 1945 setzte er sich stark für die Versöhnung mit den Deutschen, die Ökumene und eine umfassende Kirchenreform ein. Sein unvollendet gebliebenes Hauptwerk zählt bis heute zu den bedeutendsten theologischen Veröffentlichungen des vergangenen Jahrhunderts.
Karl, Nelly und Charlotte blieben ihr Leben lang eng miteinander verbunden und sind auf Nellys Wunsch hin gemeinsam in Basel begraben. Während Karl Barth ein umfangreiches Archiv gewidmet ist, sind Leben und Werk Charlotte von Kirschbaums nur bruchstückhaft dokumentiert. Von Nelly Barth ist kaum etwas dokumentiert. Zum einen verfügte sie selbst darüber, dass ihr Briefwechsel mit Karl nicht veröffentlich werden dürfe, zum anderen, weil sie Zeit ihres Lebens in die private Sphäre gedrängt wurde Ivna Žics Stück versteht sich als künstlerische Annäherung an diese Leerstellen und stellt Fragen nach überhörten weiblichen Stimmen, nach Zugängen zu intellektuellen Eliten sowie nach den vielschichtigen Formen von Beziehungen. Schließlich steht Charlottes und Nellys Geschichte exemplarisch für viele Frauen: intellektuell begabt, maßgeblich an großen Werken beteiligt, aber in der Zeit weitgehend übersehen.
Kreativteam
Die Regisseurin Mirja Biel entwickelt gemeinsam mit einem interdisziplinären Team eine atmosphärisch dichte Inszenierung zwischen Schauspiel, Musik, Chor und Video.
Auf der Bühne stehen Paula Aschmann, Edda Wiersch und Mara Widmann. Bühne und Kostüme gestaltet Daniel Angermayr, die musikalische Leitung und Komposition übernimmt Peter Thiessen. Dramaturgie und Video verantwortet Dinah Wiedemann. Die musikalische Leitung des Chores liegt bei Elli Funk, die Choreinstudierung übernimmt Olivia Wendt, während Paula Aschmann zusätzlich als Chorführerin wirkt. Der Chor setzt sich aus Christiane Emmerich, Elli Funk, Cosima Grosch, Regina Gruska, Sarah Güven, Katharina Hetzer, Claudia Kluin, Darja Kolodeev, Eileen Lintz, Lola Reichert, Angelika Schmidt und Johanna Sonhüter zusammen.
Premiere und Aufführungsort
07. März 2026, 19.30 Uhr, Großes Haus
