Aus der (Raum)Not eine Tugend machen – dieses Kunststück muss und will das Stadttheater Ingolstadt mit der neuen Spielzeit meistern. „Wir stellen uns auf eine lange, unbestimmte Zeit im Glacis ein“, betonte Intendant Oliver Brunner bei der Vorstellung der kommenden Spielzeit 2026/27, die unter dem Motto “Pack ma´s!” steht. Gemeinsam mit Chefdramaturgin Sonja Walter, Oberspielleiterin Mirja Biel, der Leiterin des Jungen Theaters Julia Mayr, Stadtdramaturgin Lisa-Maria Schacher und der Leiterin der Künstlerischen Vermittlung Katharina Wüstling warf er einen Blick auf diese Spielzeit des Übergangs. „Wir werden viel Gewohntes aufgeben müssen“, so Brunner. Das beginnt beim stark dezimierten Kassenpersonal und endet bei den räumlichen Veränderungen.
Ab September 2026 wird der Repertoirebetrieb des Großen Hauses wegen der Schließung des Hämer-Buro-Baus in das Theater am Glacis verlegt. Arbeitsorte werden auf mehrere Gebäude verteilt, Wege länger, Abläufe komplexer. Werkstätten wie Dekoration, Schneiderei, Maske, Requisite sowie Beleuchtungs- und Videowerkstatt verbleiben im Hämer-Buro-Bau. Intendanz, Dramaturgie, Leitungsteams, Öffentlichkeitsarbeit und Betriebsbüro ziehen im Sommer in das neue Kulturrathaus Ingolstadt in der Donaustraße, wo sie künftig auf Verwaltung, Junges Theater und Künstlerische Vermittlung treffen. Die bestehenden Spielstätten Kleines Haus, Studio und Turm Baur bleiben erhalten.
Auch für das Junge Theater bleibt die Situation vorerst provisorisch. Ein neuer Standort wird weiterhin gesucht. Bis dahin wandern seine Produktionen durch die Spielstätten des Abendspielplans. Das Wintermärchen wird künftig nicht mehr ausschließlich im Winter gezeigt, sondern über das Jahr verteilt in mehreren Blöcken.

Der Spielbetrieb selbst verlangt ebenfalls neue Lösungen. Vorderbühnenproduktionen und angepasste Umbauabläufe sollen helfen, den Repertoirebetrieb im Interim zu ermöglichen. Dennoch wird jedes Abonnement eine Produktion weniger umfassen. Ziel sei es, gemeinsam mit dem Publikum – insbesondere mit den Abonnent*innen – am neuen Ort gut anzukommen und sich dort heimisch zu fühlen. Dazu gehört auch ein nummerierter und kategorisierter Saalplan, der zur neuen Saison eingeführt wird, so Oliver Brunner. „Seien wir mutig!“ meinte der Intendant, denn diese „Qualitytime in Echtzeit“, die das Theater bieten kann, sei einmalig. Trotz angespannter finanzieller Lage will das Team des Stadttheaters weiterhin intensive Theatererlebnisse ermöglichen. Zugleich ist klar: Ohne zusätzliche Unterstützung durch die Stadt und ohne privates Engagement wird es schwierig, schnell einen neuen Identifikationsort für professionelle Theaterkunst in Ingolstadt zu schaffen. Um den Repertoirebetrieb im Interim überhaupt gewährleisten zu können, wird zudem dringend ein Container-Wechselsystem benötigt, mit dem Kulissen zwischen Werkstätten und Spielstätte transportiert und gelagert werden können.
Blick auf den Spielplan 2026 /27
Inhaltlich kreist die besondere Saison 2026/27 um ein Thema, das gerade in Zeiten des Umbruchs an Bedeutung gewinnt: Beziehungen, (Ersatz-)Familien und Schicksalsgemeinschaften – Geschichten von Menschen, die sich finden, verlieren, zusammenhalten oder auseinanderdriften.
Als “Vorbühnenstück” feiert die Komödie “Das Abschiedsdinner” am 28. Oktober im Theater am Glacis Premiere. Und mit “Blue Skies” wird ab 14.11. eine Regiearbeit von Mirja Biel zu sehen sein, die das selbe Gebäude bereits in St. Gallen mit einer Inszenierung eröffnet hat. Am selben Ort sind im Lauf der neuen Saison auch die Klassiker “Tod eines Handlungsreisenden”, “Der Diener zweier Herren”, der Liederabend “Die Bar am Rande der Welt” und “Das Geisterhaus” zu sehen.
Jane Austen Fans dürfen sich schon jetzt auf das Freilichttheater freuen: Am 25. Juni 2027 feiert das Jukebox-Musical “Sinn und Sinnlichkeit” nach dem Roman der britischen Schriftstellerin Premiere.
Die Spielzeit des Jungen Theaters steht im Zeichen von Identität und Selbstfindung. Im Zentrum des Spielplans stehen Fragen wie: Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Wer bin ich im Verhältnis zur Gesellschaft – und im Verhältnis zu meiner Stadt? Wie finde ich meinen Platz in einer Welt, die zunehmend komplexer und unsicherer wird?
Gerade für Kinder und Jugendliche sind in solchen Zeiten geschützte Räume besonders wichtig. Sie eröffnen die Möglichkeit, die Welt spielerisch zu verhandeln, sie zu entdecken, zu hinterfragen – und sich selbst darin zu erproben, betont Julia Mayr vom Jungen Theater. In Kooperation mit dem Altstadttheater wird erstmal eine “Relaxed Performance” auf dem Spielplan stehen, das heißt, dass dieses Stück des Jungen Theaters gerade für Kinder mit Lernschwierigkeiten, Autismus etc. geeignet ist.
Wiederaufnahmen stehen auch auf dem Programm: “The Party”, “Die Zauberflöte”, “Das kleine Gespenst”, “Kasimir und Karoline” und “Auslöschung. Ein Zerfall” werden erneut gezeigt.
Die Stadtdramaturgie setzt in der kommenden Spielzeit weiterhin auf Zuhören, Austausch und neue Begegnungen. Ziel ist es, unterschiedliche Perspektiven aus der Stadtgesellschaft stärker im Theater sichtbar zu machen – damit sich möglichst viele Menschen dort wiederfinden können. Zugleich versteht sich das Stadttheater zunehmend als „dritter Ort“: als offener Raum zwischen Arbeit, Schule und Zuhause, in dem Begegnung, Austausch und gemeinsames Nachdenken über gesellschaftliche Fragen möglich werden.
Die erfolgreichen Begegnungsreihen werden fortgesetzt. Mit der „Stadtkantine“ entstehen darüber hinaus neue temporäre Treffpunkte im Stadtraum: Leerstände werden zu Möglichkeitsräumen, in denen Theater und Stadtgesellschaft unmittelbar miteinander ins Gespräch kommen können. (ma/sth)
Weitere Infos: https://theater.ingolstadt.de/
