„Einfach mit der Hand durch die Pfefferminze streifen!“ Das rät Apothekerin und Museumsmitarbeiterin Sigrid Billig den Besucherinnen und Besuchern im Duft- und Tastgarten des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt. So lässt sich das, was hier wächst, im wahrsten Sinne be-greifen. Eine neue Beschilderung, ein neuer Audioguide, eine neue Auswahl und Anordnung der Pflanzen machen den Garten nun zum inklusiven Erlebnis für Sehende und Blinde.
Angelegt wurde der Duft- und Tastgarten, der sich in der nordöstlichen Ecke des Museumsgeländes befindet, bereits 1992. Und auch damals waren die Schilder schon mit Brailleschrift versehen. „Aber durch unsere Beraterin Claudia Böhme haben wir gelernt, dass sehr viele Menschen erst später in ihrem Leben erblindet sind und das Lesen der Brailleschrift nicht gelernt haben. Sie kommen besser mit großer, tastbarer Normalschrift zurecht,“ erklärte Museumsleiterin Prof. Dr. Marion Maria Ruisinger beim Pressetermin vor Ort. Und so kann man auf den neuen Schildern die Texte in Braille und Normalschrift erfühlen. Dazu verfügt jedes der 47 Schilder über eine Nummer, die wiederum zu den entsprechenden Informationen im neuen Audio-Guide führt. Und was es da nicht alles zu Botanik, Geschichte und medizinischer Anwendung der Arzneipflanzen zu entdecken gibt! Etwa, dass die Kapland Pelargonie von dem Engländer Charles Henry Stevens aus Südafrika zur medizinischen Anwendung in Europa eingeführt wurde. On der Sprache des Zulu-Volkes heißt die Pflanze übrigens Umckaloabo – zu deutsch: schwerer Husten.

Damit blinde Gäste den etwas versteckt gelegenen Garten selbständig aufsuchen können, liegen an der Kasse des Deutschen Medizinhistorischen Museums taktile Pläne bereit, die Aufschluss über die Gesamtanlage geben. Hier wurden sogenannte Schwellkopien verwendet, also Linien, Zeichen und Buchstaben, die bei Berührung und damit Erwärmung anschwellen. Zudem erhält der Audioguide eine anschauliche Wegbeschreibung. Und falls es im Einzelfall doch zu Unsicherheiten kommen sollte? „Dann helfen unsere freundlichen Kolleginnen und Kollegen an der Kasse gerne weiter“, versichert die Museumsdirektorin.
Fühlen, riechen, hören. Diese drei Sinne werden in dem Garten angesprochen. Und beim Fühlen ist nun auch nachgebessert worden, denn nicht jede der ursprünglich angepflanzten Gewächse in den zwei Hochbeeten eignete sich als Tastobjekt, etwa stachelige Exemplare wie die Hundsrose. Auch Pflanzen, die zu allergischen oder phototoxischen Hautreaktionen führen können, waren darunter. Diese Pflanzen wurden durch solche ersetzt, die völlig gefahrlos berührt werden können. In den Ecken der Hochbeete ist außerdem umgepflanzt worden, damit Blinde auch an diesen Stellen Schild und Pflanze eindeutig zuordnen können. Und auch an Menschen im Rollstuhl wurde gedacht. Damit diese die Texte besser lesen können, sind die Schilder in einem 20 Grad Winkel auf den Mauern der Hochbeete angebracht.
„Jetzt muss man nur noch wissen, dass es dieses Angebot gibt!“ betonte Museumsberaterin Claudia Böhme. Deshalb: Weitersagen ist ausdrücklich erwünscht! Der Eintritt zum Garten ist im Übrigen frei und auch der Audio-Guide ist kostenlos.
Bei der Umsetzung dieses inklusiven Projekts wurde das Team des Deutschen Medizinhistorischen Museums von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern beraten. „Ganz wichtig war es uns, die einzelnen Projektschritte auch immer wieder von Blinden gegenchecken zu lassen“, so Ruisinger. „Wir waren deshalb sehr froh, dass wir die blinde Museumsberaterin Claudia Böhme aus Augsburg und Betroffene aus Ingolstadt mit an Bord hatten“. Die Kosten von rund 13 000 Euro werden von der Wessely-Stiftung übernommen. (ma)
Kurz notiert:
Duft- und Tastgarten
Arzneipflanzengarten des Deutschen Medizinhistorischen Museums
Anatomiestraße 18 – 20
85049 Ingolstadt
Tel.: 0841/ 305-2860
www.dmm-ingolstadt.de
www.facebook.com/dmmingolstadt
www.instagram.com/dmmingolstadt/
Bushaltestelle:
Taschenturm
