Was haben ein römisches Klappmesser, ein Atomschutzbunker und Mineralwasser gemeinsam? Sie gehören zum „Historischen Gedächtnis“ im Landkreis Eichstätt. Dabei ist das Projekt selbst schon ein historisches Ereignis, wie bei der Zwischenbilanz-Veranstaltung im Dienstleistungszentrum Lenting des Landkreises Eichstätt deutlich wurde.
Vor zwei Jahren erfolgte der Startschuss für das Archäologieprojekt, das mit vollem Namen „Das Historische Gedächtnis Landkreis Eichstätt und Altmühl-Jura-Region“ heißt. Das Ziel: Archäologische Funde erfassen, inventarisieren, bewahren und die Informationen zugänglich machen, damit sowohl Wissenschaftler als auch interessierte Bürgerinnen und Bürger darauf zugreifen können. Unterstützung kommt dazu vom Landesamt für Denkmalpflege und der Archäologischen Staatssammlung und als Projektpartner fungieren die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt und das Stadtmuseum Ingolstadt sowie Heimatpfleger und Vereine. „Wir sind der erste Landkreis in ganz Bayern, der diese Strukturen für den Umgang mit archäologischem Kulturgut aufbaut,“ betonte Eichstätts Landrat Alexander Anetsberger. Er bezeichnete das „Historische Gedächtnis“ auch als eine Blaupause für den gesamten Freistaat. Der Landkreis Eichstätt hat das Projekt initiiert, das durch ein gemeinsames LEADER-Projekt der LAGs Altmühl-Jura und Altmühl-Donau gefördert wird. 90 000 Euro an Fördermitteln gehen an den Landkreis (das entspricht einem Fördersatz von 60 Prozent). Von einem „Leuchtturmprojekt“ sprach in diesem Zusammenhang LEADER Koordinatorin Agnes Stiglmaier und lobte die Vernetzung der vielen Beteiligten, die für die Förderung mit ausschlaggebend war. Die Fördergelder kommen vom Freistaat Bayern und zum großen Teil aus dem europäischen Landwirtschaftsfond für die Entwicklung des ländlichen Raums. Ohne EU wäre das Projekt reines Wunschdenken geblieben.
Apropos Wunsch. „Das historische Gedächtnis entstand aus dem Wunsch heraus, einen Überblick über das reiche Erbe zu gewinnen,“ so Anetsberger. Tatsächlich gehört der Landkreis Eichstätt zu den fundreichsten Regionen in ganz Bayern. Das liegt an der günstigen Lage für Siedlungen. Der Mensch hat in Altmühltal und Donautal seine Spuren hinterlassen – und das seit der Steinzeit.

Zum Termin in Lenting waren nicht nur Vertreter und Vertreterinnen von Behörden oder Kommunen gekommen, sondern auch Mitglieder von historischen Vereinen oder interessierte Laien, die sich im „Historischen Gedächtnis“ engagieren wollen: „Der Landkreis Eichstätt und die Altmühl-Jura Region quellen über vor Ehrenamtlichen, jeder kleine Ort hat seinen eigenen Heimatpfleger und Ortschronisten und die Leute sind wahnsinnig begeistert von ihrer Vergangenheit und auch stolz darauf“, meinte Simon Sulk im Gespräch mit Bayern mittendrin. Der Archäologe gehört (noch) zum Projektteam „Historisches Gedächtnis“ und stellte zum Abschluss der ersten Projektphase gleich zwei Angebote vor, die daraus entstanden sind. Zum einen wurde eine kleine Sonderausstellung konzipiert, die im Kern aus sieben Rollups besteht, auf denen die archäologischen Epochen im Landkreis von der Steinzeit bis ins 19. Jahrhundert dargestellt sind. In Lenting ist sie noch bis zum 31. Januar 2025 zu sehen – und zwar im Erdgeschoss des Dienstleistungszentrums, wo man eher auf den Termin in der Zulassungsbehörde wartet und nicht zum Museumsbesuch erscheint. Genau das ist aber das Ziel der Schau, die Menschen erreichen möchte, die sich (noch) nicht mit der Geschichte des Landkreises befasst haben. Die Ausstellung kann daher auch für Wartebereiche von Ämtern, Behörden und Co. gebucht werden.

An diejenigen, die sich im „Historischen Gedächtnis“ engagieren, richtet sich die Broschüre zum Projekt, die jährlich erscheint. Band zwei ist nun vorgestellt worden. In ihm befassen sich Kreisheimatpfleger und „Gedächtnis-Initiator“ Karl Heinz Rieder und Simon Sulk mit der (Fund)Geschichte von der Römerzeit bis in die Moderne. Der Fundreichtum von Altmühl- und Donautal wird durch spektakuläre Objekte bestätigt: So ist in Stammham ein „scharfer Hund“ entdeckt worden. Dabei handelt es sich um ein Klappmesser aus der Römerzeit, dessen Griff die Form eines Hundes aufweist. Ortsheimatpfleger Kurt Richter hatte es 2013 entdeckt. Sein Kollege Richard Kürzinger aus Kösching „erfand“ aufgrund seiner Funde gleich eine neue Fachrichtung, nämlich die der Bacharchäologie. In seinem Bericht geht er auf insbesondere auf die Schambach in Schamhaupten (Gemeinde Altmannstein) ein, deren Funde schließlich sogar zu einer Steingutfabrik führten, in der Steinflaschen für den Versand von Mineralwasser hergestellt wurden. Dass hier die Funde nur so sprudelten, lag beinahe in der Natur der Sache. Ein Goldring aus Nassenfels, ein Schert aus Stammham, Runenzeichen aus Enkering und mehr werden in der Broschüre beschrieben, ebenso das Römer und Bajuwaren Museum in Kipfenberg als einer der herausragenden Orte zur Geschichtsvermittlung im Landkreis,
Neue Räume in Kösching – Erweiterung der Sammlung
Die archäologischen Funde, die ihm Rahmen des Projekts inventarisiert werden, lagern aktuell in Adelschlag – und das an einem Ort, der selbst schon wieder eine spannende Geschichte erzählt. Unter der örtlichen Grundschule befindet sich ein Atomschutzbunker, der nun zum wissenschaftlichen und klimastabilen Lager umfunktioniert wurde. Auf einer Fläche von 150 Quadratmetern sind 800 Euroboxen mit Fundmaterial gelagert. Dass diese Fläche keinesfalls ausreicht, war von Anfang an klar. Nun gibt es eine neue räumliche Perspektive, wie Alexander Anetsberger erklärte. Aus statischen Gründen musste man im neuen Sonderpädagogischen Förderzentrum in Kösching einen Keller errichten, der jetzt für die Daueraufgabe „Historisches Gedächtnis“ genutzt werden kann. „Dieser wird das Raumproblem für Jahrzehnte bedienen.“ Er kann sich eine Eröffnung des Lagers spätestens Ende 2025 nach Kösching vorstellen. Inhaltlich wird man das Projekt ebenfalls erweitern: Künftig sollen nicht nur archäologische Funde erfasst werden, sondern auch Schriftstücke und Dokumente. Zu klären sei außerdem, wie eine digitale Lösung 2.0 aussehen könne. „Die Projektstelle ist finanziell gesichert“, betonte Landrat Alexander Anetsberger außerdem. Wer allerdings künftig die archäologische Leitung übernimmt, ist noch offen, denn Simon Sulk wechselt nach Weißenburg. Dort wird er die Leitung der Museen übernehmen. (ma)
Kurz notiert:
Historisches Gedächtnis
Landkreis Eichstätt und Altmühl-Jura Region
Projektkoordination:
Melanie Veit
Tel.: 08421/9876-41
Mail: archaeologie@naturpark-altmuehltal.de
www.landkreis-eichstaett.de/archaeologie
