Kuratorinnenführung durch die Ausstellung “Unsere Menschen”

    Das Stadtmuseum Ingolstadt lädt am Sonntag, 17. Dezember, um 15 Uhr, zur Kuratorinnenführung durch die Ausstellung „Unsere Menschen“. – Sinti und Roma in Ingolstadt vor, während und nach der NS-Verfolgung.

    Etwa 400 Jahre kann der Stammbaum der Familie Höllenreiner in Deutschland nachverfolgt werden. Seit Beginn der 1930er Jahre lebten Josef und Sophie Höllenreiner mit ihren Kindern im Münchner Stadtteil Giesing. Josef Höllenreiner war dort Pferdehändler und Fuhrunternehmer, seine Tochter Emma trat dem Bund Deutscher Mädel bei und auch seine Frau Sophie war Mitglied in einer NS-Organisation. Trotzdem setzten Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ihren Pferdestall in Brand und verjagten die Pferde. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Josef Höllenreiner zur Wehrmacht eingezogen. Er nahm am Frankreichfeldzug teil. 1941 wurde er durch das „Rassenhygienische Forschungsinstitut Berlin“ als „Zigeunermischling“ eingestuft und aus der Wehrmacht aus „rassenpolitischen Gründen“ ausgeschlossen. Der Auschwitz-Erlass vom 16. Dezember 1942 war Grundlage für die Verhaftung der Familie Höllenreiner am 8. März 1943. Nach dreitägiger Haft gemeinsam mit über hundert weiteren Sinti in den Gefängniszellen des Polizeipräsidiums in der Ettstraße wurde die Familie am 13. März 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Söhne Hugo und Manfred Höllenreiner wurden für die medizinischen Experimente von Dr. Josef Mengele missbraucht. Josef Höllenreiner meldete sich freiwillig aus dem Konzentrationslager heraus zum Fronteinsatz und rettete damit vermutlich das Leben seiner Frau und der sechs Kinder. Bei der „Liquidierung des Zigeunerlagers“ am 2./3. August 1944 entging die Familie der Selektion in den Tod – sie wurde in das Konzentrationslager Ravensbrück verlegt. Dort wurden Josef und Sophie sowie ihre Kinder Manfred und Emma zwangssterilisiert. In den letzten Kriegstagen musste Josef Höllenreiner erneut zum Fronteinsatz und erlitt schwere Verwundungen. Sophie Höllenreiner und ihre Kinder erlebten nach einer Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager die Befreiung durch britische Truppen am 15. April 1945 in Bergen-Belsen. Nach Kriegsende versuchte Josef Höllenreiner gemeinsam mit seiner Familie wieder in München Fuß zu fassen. Sein Sohn Hugo Höllenreiner verstarb am 10. Juni 2015 in Ingolstadt.

    Mindestens 60 Angehörige der Sinti und Roma, die vor oder nach 1945 in Ingolstadt und der Region gelebt haben, wurden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Die Geschichte der Höllenreiners ist eine von 18 Einzel- und Familienbiografien, die exemplarisch im Mittelpunkt der Ausstellung stehen. Sie werden in Verbindung gesetzt zu historischen Ereignissen, die auch für die Höllenreiners gravierende Auswirkungen hatten. Darüber hinaus wird die sogenannte „zweite Verfolgung“ nach 1945 thematisiert: Der lange Weg zu einer Anerkennung des Völkermordes, der Kampf um Entschädigungsleistungen und gegen die polizeiliche „Sondererfassung“.

    Die Kuratorin Agnes Krumwiede wird bei ihrer Führung durch einen Angehörigen eines in der Ausstellung Porträtierten unterstützt. Gemeinsam beleuchten sie auch die aktuelle Situation für Sinti und Roma in Europa, Deutschland und in Ingolstadt.

    Schlagwörter:

    Datum

    Dez 17 2023
    Abgelaufen!

    Uhrzeit

    15:00 - 16:30

    Standort

    Stadtmuseum Ingolstadt
    Stadtmuseum Ingolstadt, Auf der Schanz 45, 85049 Ingolstadt
    Kategorie

    Veranstalter

    Zentrum Stadtgeschichte Ingolstadt
    Webseite
    https://zentrumstadtgeschichte.ingolstadt.de
    QR Code