Ein besonderer Ausschnitt aus der Medizingeschichte

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    Was haben ein Badezuber (bitte einsteigen!), eine historische Auflistung an Blasensteinen, ein Nachttopf, der Heilige Rasso und vertonte Schmerzen gemeinsam? Sie alle sind in der Sonderausstellung „steinreich. Das Schneidhaus der Fugger in Augsburg“ vereint. Und dass diese Ausstellung eben nicht in Augsburg zu sehen ist, sondern in Ingolstadt, liegt an einem ganz außergewöhnlichen Schriftstück.

    Diese bebilderte Handschrift hat das Forschungsprojekt “verursacht”.

    2016 hatte der Förderverein des Deutschen Medizinhistorischen Museums ein historisches Manuskript erworben, in dem sich colorierte Abbildungen von Blasensteinen und „Patientendaten“ befinden. Und dieses Manuskript gab den Anlass für ein Forschungsprojekt, das sich mit dem „Schneidhaus der Fugger“ befasst, denn in dem geheimnisvollen Buch sind – wie sich herausstellte – Patienten jenes Schneidhauses aufgelistet, die zwischen 1571 bis 1630 dort behandelt wurden. Darunter war auch ein junger Mann von 20 Jahren mit Namen Niclaus Kurtz, der aus Ingolstadt stammte. Er ist es nun auch, der die Besucher und Besucherinnen durch die Ausstellung „führt“, denn mit Hilfe von Doris Wittmann aus dem Ingolstädter Stadtarchiv konnte nahezu der gesamte Lebensweg des jungen Mannes rekonstruiert werden. Von Niclaus Kurtz gibt es kein Bild (lediglich sein Blasenstein ist im Manuskript verewigt), aber jeder kann sich ein Bild von ihm machen. Eine extra für die Ausstellung geschaffene Graphic Novel (Künstler: Pascal Maurer) macht es möglich:  „Wir haben uns an einem Tag mit dem kompletten Museumsteam getroffen und gerade im Gespräch mit den Kollegen, die nicht aus der Wissenschaft kommen, festgestellt: das ist alles interessant, aber so richtig fuchsen tut einen das Schicksal des Kranken,“ erklärt Prof. Dr. Marion Maria Ruisinger, die Leiterin des DMMI und eine der drei Kuratorinnen der Sonderausstellung.

    Oben die Graphic Novel – unten die historischen Objekte. So wird Medizingeschichte lebendig.

    Und so begleitet man jenen Niclaus dabei, wie er zunächst sein Leiden registriert (hier kommt der Nachttopf ins Spiel) und auch das Gebet nicht hilft (bei anderen tat es die Fürsprache des Hl. Rasso). Die Voraussetzungen für eine Aufnahme in das Schneidhaus hatte er erfüllt: er war bedürftig und katholisch. Jetzt mussten er bzw. seine Mutter noch den bürokratischen Prozess bis zur Aufnahme in das Schneidhaus meistern. Zuletzt sieht man ihn als Soldat des Dreißigjährigen Krieges in Wien, wo er im Alter von 54 Jahren starb – den Eingriff im Schneidhaus hat er also überstanden.

    Mit solch einem Messer wurde der Schnitt durchgeführt, um einen Stein heraus zu schneiden.

    Jenes Schneidhaus steht im Mittelpunkt der Sonderschau. Dr. Annemarie Kinzelbach und Monika Weber haben es erforscht und dabei auch jede Menge „Flachware“ (so bezeichnet von Dr. Stefan Birkle aus dem Fugger-Archiv Dillingen bei der Ausstellungseröffnung), also Dokumente, gewälzt. Deren Auswertung erlaubte zum Beispiel einen Überblick über das Einzugsgebiet dieser hoch spezialisierten und damit einzigartigen Einrichtung: Bis aus Schwaz in Tirol kamen die Patienten nach Augsburg, um sich dort bei Steinen und Eingeweidebrüchen behandeln zu lassen.

    Ein Nachttopf aus dem 17. Jahrhundert “begrüßt” die Besucher und Besucherinnen gleich zu Beginn der Schau.

    Und wie passt nun der eingangs erwähnte Badezuber da hinein? Der war vor der Operation von Bedeutung, denn im heißen Bad wurde der Patient bzw. sein Körper auf den Eingriff vorbereitet. Der Chirurg sowie die Angehörigen des Patienten sprachen und beteten mit ihm und die Begleiter waren sogar bei der Operation mit dabei. Kurios: Es gibt sogar eine musikalische Umsetzung des Themas, der man an einer Hörstation lauschen kann. Der französische Hofkomponist Marin Marais hatte 1725 eine Blasenstein-Operation in ein Musikstück umgesetzt. Dokumente, sakrale Objekte, Instrumente zum Schneiden oder Dehnen, Arzneimittelfläschchen und mehr sind in dieser „steinreichen“ Ausstellung zu finden. Bleibt noch die Frage: Wie standen denn die Überlebenschancen der Patienten? Die Antwort mag überraschen, aber sie waren sehr gut. So konnten die Wissenschaftler anhand der nun erforschten Unterlagen belegen, dass von 1585 bis 1589 von 102 behandelten „Steinkranken“ 94 (!) als geheilt entlassen wurden. „Die negative Vorstellung über die schreckliche Medizin der früheren Zeiten und die Hilflosigkeit der Chirurgen wird hier durchaus relativiert,“ findet Ruisinger. (ma)

    Kurz notiert:
    steinreich
    Das Schneidhaus der Fugger in Augsburg
    bis 17. September 2023
    Deutsches Medizinhistorisches Museum
    Anatomiestraße 18-20
    85049 Ingolstadt
    www.dmm-ingolstadt.de

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